Jugend

Geschichten, wie ich sie so oder ähnlich erlebt habe, als Kind oder Jugendlicher in St. Gallen – aufgeschrieben in den Jahren 2022/23 aus dem Gedächtnis, das leider nicht mehr immer so klar ist…

Negerdörfli

In St. Gallen gab es ein „Negerdörfli“. Nicht dass da Leute mit schwarzer Haut wohnten, Gott bewahre! Nein, es handelte sich bei diesem Dörfli um die Eisenbahner Wohnbaugenossenschaft Schoren, bei welcher mein Vater Werner als Eisenbähnler Mitglied war. Der Name stammt sehr wahrscheinlich davon, dass die ganze Siedlung in gewissem Grad kreisförmig an den Nordabhang des Rosenbergs gebaut wurde und damit einem Kral, der traditionellen runden afrikanischen Dorfform, glich. Die Häuser waren meist aneinander gebaute Einfamilienhäuser, von denen wir das äusserste westliche am Waldrand gelegene bewohnten. Mit fünf Zimmern war es für unsere fünfköpfige Familie gerade richtig, und dazu hatten wir auch noch einen Garten hinter dem Haus. Für das täglich Benötigte gab es zuoberst am Hang den Schorenplatz mit Kindergarten, Konsum, Metzgerei und Bäckerei.

Von den Läden weiss ich noch, dass Bäcker Amsler ein hervorragendes Schwarzbrot buk, welches leider zum Anknabbern verleitete, was zuhause gar nicht gern gesehen wurde.

Bei Metzger Sonderegger hiess es immer: „Wötsch es Rädli?“, was wir natürlich bejahten und uns dann am Servelat-Abschnitt erfreuten. Im nahe gelegenen Konsum, dem Gemischtwarenladen, gab es die übrigen Nahrungsmittel zu kaufen, wobei auch da schon verlockende Kleinigkeiten ganz vorne hingetischt wurden, um die Jungmannschaft zu verführen. Unser Taschengeld war halt für solche Köstlichkeiten kaum gross genug, und so genossen wir umso mehr einen Bissen der Essiggurke, die das Personal für einen unserer Kollegen aus der riesigen Konservendose herausfischte.

Noch etwas hält sich in meiner Erinnerung an den Schorenplatz. Zum einen war das das legendäre Schorenglöggli, ein Uhrwerk im Türmchen auf dem zentralen Gebäude am Platz, welches lautstark Viertel-, halbe und ganze Stunden verkündete. Zudem wurde der Platz für Freiluft-Anlässe gebraucht wie Ansprachen am Ersten August und verschiedene Vorführungen. Das Konzert des Harmonika-Ensembles von Edith Oberleitner, der Tochter unserer unmittelbaren Nachbarn, fand jeweils im Sommer statt und war oft ein Höhepunkt im Kalender der Schoren-Kolonie…  

Kindergartenzeit

Von dieser Einrichtung ist mir noch eine Episode in Erinnerung, als wir draussen unter dem Lindenbaum den Geschichten von Fräulein Reger, einer ältlichen Jungfer, lauschten und auf einmal eine (riesige!) Spinne sich über den Tisch mir näherte. Ohne mich bemerkbar zu machen, erstarrte ich ganz einfach, da ich einen grossen Horror vor diesen achtbeinigen Wesen hatte – und zu meinem Glück entfernte sich das Krabbeltier wieder unter den Tisch.

Auch erinnere ich mich an die für farbige Zeichnungen überhaupt nicht geeigneten braunen Heftchen, die mein Kamerad Kuno Diethelm dafür benutzte, Rechnungen hinein zu schreiben und diese auch mit den korrekten Resultaten versah. Für meinen Teil wich ich hin und wieder dem Zeichnen aus, indem ich Texte auf das Blatt schrieb, was die Bewunderung der anderen Kinder hervorrief.

Daneben gab es eine Puppenecke (nicht für Knaben!) und eine Bau-Ecke (meist nichts für Mädchen…). In der letzteren gab es balkenähnliche Bauklötze verschiedener Länge, aus denen man vor allem Schlösser und Burgen bauen konnte. Und wenn man beim Spielen jemanden ausgrenzen wollte, hiess es einfach: „Das säg-i jetzt denn gad em Frölein Reger!“

Da sich auch hier der Wald in fast unmittelbarer Nähe befand, verbrachten wir als Kindergärtler natürlich eine gute Zeit dort. Was gab es da nicht alles zu finden, mit dem man dann Häuser, Menschen und Tiere herstellen konnte und ganze Geschichten aufführte! Mir hatten es immer die verschiedenen weichen Moose angetan, und die ganz speziell gewachsene Wurzeln und Äste schauten mehr als einmal wie Gnomen oder Menschen aus.

Herbstlaub

Als Kinder hatten wir das grosse Privileg, dass wir unmittelbar am Waldrand wohnten. Das gab uns viele abenteuerliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, nicht zuletzt auch, weil unsere Eltern es zuliessen, dass wir allein und mit Kameraden solche Entdeckungen unternahmen.

An einem sonnigen Herbsttag waren wir mit unserem Handwagen im Wald unterwegs, um trockenes Laub zu sammeln, womit dann unser Planschbecken im Garten für den Winter gefüllt wurde (ich glaube, das sollte die Eisbildung reduzieren und damit die Gefahr einer Beschädigung des Betonbeckens). Jedenfalls war bald genug beisammen, so dass wir nun mit einigen gleichaltrigen und älteren Kameraden das immer noch grosszügig vorhandene Laub in einer Mulde an einem kleinen Abhang aufschichteten. War das eine Lust, mit Anlauf in diesen Haufen hinein zu springen! Klar, dass die kleineren sich anfangs nicht so sehr getrauten, wogegen die älteren nicht genug Schwung holen konnten. Das wurde erst dann zu einem Problem, als Erwin Zürcher, genannt Baudi, aus dem Rennen heraus in die Höhe sprang und in den trockenen Blättern landete: statt sofort aufzustehen, blieb er sitzen und japste  nach Luft – wobei alle Umstehenden sich vor Lachen die Bäuche hielten und ihn zum Verlassen des Laubhaufens aufforderten. Natürlich hatte es ihm „Atem verschlagen“, weil er mit dem Steissbein durch die Blätter hindurch auf den harten Boden aufgeprallt war! Nachdem wir das endlich begriffen hatten, wurde der arme Springchampion mit allerlei mehr oder weniger schlauen Griffen und Bewegungen wieder zum Atmen gebracht. Und zum Glück hat er nachher selber über das erlittene Ungemach lachen können.

An dieser Stelle will ich noch anfügen, dass der am Anfang erwähnte Hand-wagen uns nicht nur zum Sammeln von Laub, sondern auch zum Sammeln von Altmaterial diente. In unserer Wohnkolonie Schoren klingelten wir jeweils an den         

Wägeli am St. Gallerfest mit Lehrer Huber       

Haustüren und fragten nach Altpapier und Alttextilien. Sobald das Gefährt gefährlich hoch mit Zeitungs- und Heftli-Bündeln sowie den Lumpensäcken beladen war, ging‘s vorsichtig zum Stahl und dann in die Schönenwegen zum Altwarenhändler Karrer. Nach der Wägung der ver-schiedenen Stoffe war für uns Zahltag: 5 Rappen gab es für ein Kilo Zeitungen, 20 Rappen für ein Kilo „Heftli“ und 1 Franken für ein Kilo „Lumpen“. Das war jeweils ein Gaudi, wenn wir den Ertrag teilen konnten und unser Taschengeld eine deutliche Verbesserung erfuhr! Hier ein Zehner oder dort ein Zwanziger für gemachte Besorgungen bei Nachbarn oder ein Fünfziger für das Austragen von Schuhen für unseren Onkel Christian, den Schuhmacher, trugen dazu natürlich nicht so sehr bei…

Auf den Spuren der Rehe

Im Wald ist viel los, nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht. Aber für Kinder ist es schwierig, wenn es dunkel ist, in den Wald gehen zu können. Unsere Eltern erlaubten uns aber einmal, in einer Nacht mit den Schlafsäcken draussen zu übernachten. Es war Sommer und die Temperatur auch bei Nacht mild. Mein Bruder und ich machten uns also zusammen mit Jürg Jenni am Abend mit der entsprechenden Ausrüstung auf und richteten uns auf dem sogenannten „Rehhügeli“ ein: dort sollten wir ja in der Nacht sicher dem einen oder anderen Reh begegnen! Zuerst aber wurde reichlich Jägerlatein ausgetauscht, bis wir genügend müde waren, uns mit dem mitgebrachten Proviant in die Schlafsäcke zu verkriechen. Weil in der Folge lediglich unheimliche Geräusche zu hören, aber kein einziges Wildtier zu sehen war und zudem die Temperatur doch ein wenig ungemütlich wurde, so kam man nach Mitternacht und nach dem Verzehr des Proviants überein, das Nachtlager aus dem Wald ins heimische Bett zu verschieben.

Waldhüttenbau

Beliebte Tätigkeit im Wald war immer der Bau von Hütten, sei es auf der Erde, unterirdisch oder oben in einem Baum. Eine Hütte, die uns wochenlang beschäftigte, war eine halb unterirdische in einem Waldplatz mit dichtem Unterholz. Eigentlich sollte sie ganz unterirdisch werden, aber die Wurzeln der verschiedenen Gewächse machten das Unterfangen fast unmöglich, so dass wir uns mit einem Loch von zirka fünf Quadratmetern und einer Tiefe von etwa einem knappen Meter begnügten. Aus abgestorbenen Baumstämmen (einige dicker als unsere doch schon recht ansehnlichen Beine!) wurde ein Dachgerüst darüber gebaut und mit den Teilen der gekauften Glasi-Kisten (Holzkisten der Glasfabrik Forma Vitrum zu einem Franken das Stück, 50x50x200 cm gross) bedeckt. Die noch vorhandenen Löcher und Ritzen wurden fachmännisch mit Ästen, Lehm und Moos verstopft, und der Boden mit Stroh ausgelegt, das wir aus ehemaligen Trauerkränzen herausholten (der Abwurf aus dem Friedhof war damals frei zugänglich). Das Innere der Hütte wurde mit verschiedensten Gegenständen wohnlich gemacht, so dass man mehr oder weniger  bequem am selbst konstruierten Tisch sitzen konnte. Aus dem so genannten “Galemischt“ (Kehrichtablagerung im Töbeli hinter dem hinteren Schoren) ergatterten wir uns sogar einen abge-lagerten, aber noch funktionstüchtigen  Gussofen, der dann aber nie in Gebrauch genommen wurde und lediglich der „Verschönerung“ diente. Beim Verlassen unserer geheimen Unterkunft wurde der Eingang jeweils mit einer getarnten Holzklappe verschlossen, so dass von aussen nichts auf sie hinwies. Nachdem aber die Hütte ganz fertig war und wir nichts mehr daran zu verbessern wussten, verloren wir das Interesse daran.

Erstaunlich ist, dass sich nach einigen Monaten das Militär des nun als Schützenloch deklarierten Werkes bemächtigte!

Gehversuche mit Chemie

Als wir schon etwas älter waren, interessierten wir uns auch ein wenig für Chemie und gewisse Versuche: „Chemie ist, wenn es chlöpft und tätscht!“ Unser erster Versuchstoff war „Karbid“. Wird Karbid (genauer Calciumcarbid CaCO3) mit normalem Wasser (H2O) zusammengebracht, entwickelt sich ein brennbares Gas, das Azetylen (C2H2). Es ist bekannt, dass früher in Bergwerken sogenannte Karbid-Lampen in Gebrauch waren. Azetylen brennt eigentlich sehr ruhig ab, wenn es nicht in einem gefährlichen Verhältnis mit Luftsauerstoff gezündet wird. Aber genau darauf hatten wir es eben abgesehen!

Zu unserm Glück war damals das Karbid einfach und auch für uns erhältlich, so dass wir uns einige der hellgrauen Brocken kauften. Damit und mit einer Flasche Wasser, einigen leeren Konservendosen und Tonblumentöpfen und natürlich genügend Zündhölzern marschierten wir an einen versteckten Ort im Wald. Dort wurde im lehmigen Grund eine tellerartige Plattform gebaut, auf welche wir das Karbid platzierten. Nachdem das Wasser dazu gegeben wurde, entwickelten sich sichtbar rauchartige Schwaden. Nun wurde ein Blumentopf auf die Plattform gesetzt und unten sauber abgedichtet, so dass es leicht aus dem oben sichtbaren Loch herausräuchelte. Ein brennendes Zündholz an das Loch gehalten erzeugte zuerst ein Art Furz – aber wenn man lange genug wartete und dann mutig das Zündholz zum Loch brachte, dann musste man sich schnellstens in Sicherheit bringen, da dann eine (für uns) gewaltige Explosion den Topf in die Luft schleuderte. Es ist müssig zu sagen, dass wir mit der Zeit manchmal ziemlich unvorsichtig wurden, so dass der Topf oder die gelochte Konservendose haarscharf an unseren Köpfen vorbei sausten. Zum Glück für alle Beteiligten geschah nie ein Unglück, bei dem jemand verletzt wurde.

Übrigens: Hast Du gewusst, dass man bei den ersten Fahrrädern als Beleuchtung Karbidlampen brauchte, also solche, die mit Azetylen betrieben wurden?

Bubenkämpfe

Für Buben ist Konkurrenz wichtig, und dazu gehören auch mehr oder weniger ersten Kämpfe. Unproblematisch sind Wettkämpfe, die ohne Körperkontakt durchgeführt werden können, wie zB beim Mannschaftssport oder beim beliebten Stecklispiel (ein zugespitzter Stecken wird so in die möglichst weiche Erde geschleudert, so dass er gut steckt; die anderen Mitspieler versuchen, mit ihren Stecken den ersten umzuschlagen, wobei aber ihr Stecken in der Erde stecken bleiben muss). Etwas gefährlicher ist es, wenn zwei Gruppen tatsächlich mit Prügeln aufeinander los gehen: so geschehen bei einem Kampf der „unteren“ Schöreler (zu denen wir gehörten) gegen die „oberen“ Schöreler (zu denen einige unserer Schulkameraden und auch unser Cousin Christian gehörten). Weil wir uns aber nicht zu einem Kampf Mann gegen Mann einlassen wollten, lockten wir die Gegner in den Wald, so dass sie sich unten an einem Abhang positionierten. Nach der Bereitstellung eines guten Vorrats an frisch hergestellten Lehmkugeln überraschten wir sie mit einem Kugelhagel, auf welchen hin sie zum Rückzug bliesen und wir den Sieg für uns verbuchten. Leider bekam ein „oberer“ Schöreler eine der Lehmkugeln direkt in seinen Mund, was scheinbar seinen Eltern gar nicht passte und Anlass zur Klage bei unseren Eltern gab, so dass Ruedi und ich einen Gang nach Canossa antreten mussten…  

Übrigens soll hier angemerkt werden, dass mein Bruder es einmal sogar schaffte, bei einem kleinen Gefecht mit Ross-bollen einen solchen in den Mund eines Gegners zu platzieren!

Mit dem Pfeil, dem Bogen…

Indianerspiele sind spannend, und die Natur gab uns in vielfältiger Weise das Material zu einer standesgemässen Ausrüstung: sei es der Kopfschmuck, die Bemalung oder die Bewaffnung. Das wichtigste davon waren aber immer der Bogen und die Pfeile. Ein biegsamer grüner Ast eines Haselstrauches oder besser noch einer Eibe gibt einen guten Bogen ab, wenn man eine entsprechend belast-bare Schnur an den gebogenen Ast befestigt. Pfeile lassen sich aus den verschiedensten holzigen Teilen herstellen, aber am besten fanden wir die innen hohlen Schilfrohre, von denen natürlich vor allem die kerzengeraden am geeignetsten sind. Der Indianer „Eine Feder“ (wie der kleine Fredi indianisch bezeichnet wurde) hatte dann die gloriose Idee, die Pfeile vorne schwer zu machen, indem ein Nagel verkehrt bis zum nächsten Knotenpunkt im Schilfrohr eingeführt und befestigt wurde. Da uns die Werkstatt unseres Vaters frei zugänglich war, konnten die besagten Nägel leicht mit dem Hammer flach geschlagen und anschliessend zu einer Lanzette zugeschliffen werden. Klar, dass damit eine ziemlich gefährliche Waffe entstand – aber wir waren ja vorsichtig, und meist blieben die Pfeile im Köcher, wenn wir nicht gerade Schiessübungen beispielsweise auf Baumstämme machten. Aber eben, nicht immer waren wir ganz vernünftig. So schlich ich einmal mit einem Pfeil auf dem gespannten Bogen durchs dichte hohe Gras, wobei ungewollt der besagte Pfeil von der Bogensehne glitt. „Das ist dann schon gefährlich!“ rief Jürg Hefti von der anderen Seite des Grasfeldes zurück. Und dann kam die Information: „Der steckt ja!“ Kaum zu glauben, aber der abgeschossene Pfeil steckte tatsächlich in der Wade von Jürg, liess sich aber zum Glück leicht herausziehen, wobei natürlich schon Blut floss. Die Wunde wurde mit dem damals obligaten Stofftaschentuch fachmännisch verbunden, und zerknirscht machten wir uns auf den Heimweg. Ausgang der Geschichte: wegen Tetanus-Gefahr (Starrkrampf) musste Jürg sich impfen lassen, ich mich bei seinen Eltern entschuldigen und die Zerstörung sämtlicher Eisenspitz-Pfeile durch meinen Vater hinnehmen.

Indianerleben

Eine weitere Indianergeschichte ist die folgende Episode, die sich ganz in der Nähe unseres Hauses im Wald abgespielt hat. Alle Beteiligten Indianer hatten an Schnüren Kartontäfelchen um den Hals gehängt, auf welchen bildlich ihr Indianer-Name aufgeführt war: Ruedi war „Tapferes Waldschwein“ (ja, nicht Wildschwein, obwohl das auch gepasst hätte), ich selber hiess „Eine Feder“ und Hansjörg Rekade „Rote Wolke“. Unser Hauptquartier war die Baumhütte zwei Meter über dem Boden und nur über die aufgezogene Strickleiter erreichbar. Da man aber dort kein Feuer entfachen konnte, wurde auf der Erde das Holz aufgeschichtet, mit Papier unterlegt und angezündet. Ein rechtes Feuerchen kam so zustande, das sich gut zu einem Indianertanz rund herum eignete. Nein, Tomahawks hatten wir dabei nicht, aber die bemalten nackten Oberkörper liessen etwas von indianischer Tradition ahnen. Ein Tipi oder der Marterpfahl mit gefangenem Feind fehlten zwar dabei, aber im Wald hat es ja genügend Bäume als Ersatz.  Als Gefangener musste schliess-lich „Rote Wolke“ herhalten: er wurde an den Baum gebunden und gehörig mit dem Rauch bist zum Husten gequält. Immerhin hat er uns nicht bei seinen Eltern verpetzt, nachdem wir ihn wieder losgebunden hatten!  

Erfolglose Pilzsuche

An einem Samstagmorgen im Herbst lud uns Jürg Jenni ein, ihn mit seinem Vater zum Pilzen zu begleiten. Das war für uns natürlich eine willkommene Abwechslung, da wir so zu einer kleinen Autofahrt kamen (wir besassen damals kein Auto; mein Vater hatte nur eine Vespa). Das Wetter war so richtig für die Pilze, nämlich feucht und neblig, aber weniger für uns Buben. So stapften wir in der Nähe von Herisau mit Herrn Jenni im Wald herum, ohne sehr viel von erntefrischen Pilzen zu erspähen. So schauten wir uns halt nach einem anderen interessanten Betätigungsfeld um und  fanden dieses in einem Holzrugel von etwa dreissig Zentmeter Durch-messer, gut einen Meter lang. Er lag angelehnt an einen Baum an einem Waldabhang, und es brauchte keine allzu grosse Anstrengung unsrerseits, ihn ins Rollen zu bringen. Das war ja wirklich ein Gaudi, wie der Trämmel seinen Weg durch die Baumstämme und dann aus dem Wald in den Nebel fand! Herr Jenni fand es dann alles andere als lustig, als wir zum Parkplatz zurückkamen und das Holz wenige Meter neben dem Auto lag: zum Glück war es nicht beschädigt worden! Jürgs Vater hielt uns eine Standpauke, liess uns einsteigen und fuhr los. Aber schon nach wenigen Metern stand da ein Bauer, der eine Stange quer über den Weg hielt und so die Wegfahrt versperrte. Ihm sei durch den Holzträmmel ein Zaun beschädigt worden, und er lasse uns nur durch, wenn wir den Schaden ersetzten. So griff Herr Jenni in sein Portemonnaie und gab dem Bauern eine Fünfzigernote, die wir zuhause aus unserem Taschengeld vergüten mussten – kein kleiner Schaden für ein Budget wie das unsere. Immerhin war Jürgs Vater so milde gestimmt, dass er uns noch zu einem Getränk und einem Nussgipfel in ein Restaurant in Herisau einlud.

Ungeschickter Turner

Wer würde es glauben, dass ich in meiner Zeit als Lehrer den verschiedensten Schülerinnen und Schülern am Reck den Felgaufschwung beibrachte – und ihn natürlich auch vorführte! Wer mich als Knaben gekannt hat weiss, dass ich mich da kaum über besondere sportlichen Fähigkeiten auszeichnete. Deutlich wird das auch an den Geschichten meiner beiden Unterarmfrakturen, einer links und einer rechts. Anstelle von Reckstangen standen uns vor dem Nachbarhaus eine Reihe von Stangen mit Haken zur Verfügung, die eigentlich zum Spannen von Wäscheleinen gedacht waren. Wäsche wurde aber dort vor allem an den Wochenenden aufgehängt, und unter der Woche waren sie leer und konnten für Turnübungen verwendet werden. Wer immer die Kraft und den Mut hatte, zeigte dies mit dem Erklimmen des höchsten Punktes auf der Querstange. Da es dem kleinen Fredi zwar nicht an Mut, aber an Kraft fehlte, fiel er einmal im Kindergarten so von der Stange, dass er einen einfachen Bruch der Elle und der Speiche erlitt. Beim fast gleichen Versuch fiel er dann nochmals von der Stange und konnte sich eines sogenannten „Grünholzbruches“ (Bruch des eigentlichen Knochens ohne Verletzung der Knochenhaut) rechts erfreuen. Erfreuen? Weh tat es zwar schon, und der Gips war nicht gerade bequem – aber immerhin verhalf er mir in der Primarschule zu einem Schreibdispens und der Möglichkeit, nicht nur zuhause, sondern auch in der Schule sehr viel lesen zu dürfen…    

Der Heissluft-„Ballon“

Freiheit ist gut, aber Vorsicht ist besser! Das mussten mein Bruder Ruedi und ich am eigenen Leib schmerzvoll erfahren. Unsere Mutter ging an einem schulfreien  Vormittag Besorgungen machen, und wir blieben allein zuhause, da Vater arbeitete. Der Gedanke, etwas zusammen zu basteln, war also naheliegend. Wir hatten einmal von Heissluftballons gehört, welche sich mit Hilfe von heisser Luft in den Himmel erheben: welch eine verlockende Vorstellung! So stellten wir eine Art Fallschirm aus Seidenpapier her, da wir ja wussten, dass man Wickelpapier von Orangen zu einer Röhre formen und anzünden kann, welche sich dann in die Luft erhebt. Unten wurde an vier Schnüren eine leere Zündholzschachtel befestigt, um den Brennstoff aufzunehmen. Zu diesem Zweck musste Papier, Watte und etwas Haare von unseren Köpfen herhalten. Zwar schaute unser Flugobjekt eher wie ein Fallschirm als ein Ballon aus, aber das kümmerte uns wirklich nicht.

Unser Flugexperiment war jedenfalls bereit: Ruedi hielt das Konstrukt, so gut er es stabil hinbekam, und ich versuchte, den Brennstoff zu entzünden. Zu unserem Erschrecken  fing aber zuerst das Seidenpapier des „Fallschirms“ Feuer,  und beim Versuch, das Ganze aus der Küche zu spedieren, griffen die Flammen auf die in der Nähe aufgehängten Abtrocknungstüch-lein über. Wegen der entstehen-den Hitze gaben sogar die Hohlstangen der Aufhängevorrichtung nach und wir kamen so richtig in Panik. Gott sei Dank tauchte in diesem Augenblick unsere Mutter auf, die sofort die Lage übersah und beherzt die Flammen mit genügend Wasser löschte. Zum Glück kamen wir ohne weitere Strafe davon, weil alle froh waren, dass die Geschichte abgesehen von einigen Rauchspuren und verbrannten Tüchlein so glimpflich abgelaufen war… 

Ploderkäse vom Sevelerberg

Mein Schulkamerad Hansjörg Rekade war ein Einzelkind, welches die Sommerferien meist auf einer Alp im oberen St.Galler Rheintal verbrachte. Sein Vater meinte, es wäre gut, wenn er dabei ein Gschpänli einladen würde und damit ein wenig gleichaltrige Gesellschaft hätte. So kamen Ruedi und ich in den Genuss eines Aufenthalts auf dem Sevelerberg. Ich erinnere mich dabei lediglich daran, dass es wundervolles Sommerwetter war und wir uns so richtig sauwohl fühlten. Dabei muss Hansjörg wohl ein wenig überbordet haben, weil Herr Rekade mit erho-benem Arm auf ihn losging, um ihm eine zu verpassen – um dann mit einem: „Auauau, mein Ischias, mein Ischias!“ an seine Hinterbacke griff und so Hansjörg in Ruhe liess. Aber das Beste kam eigentlich erst nach der Rückkehr nach Hause. Mit unserem bescheidenen Taschengeld hatten uns Ruedi und ich ein schönes Stück Ploderchäs (frischen Sauerkäse) gekauft, den man bei uns daheim nicht kannte. Nun: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“ wirkte auch in diesem Falle, so dass der Käse statt gegessen zu werden im Keller gelagert wurde. Offenbar tat ihm das aber gar nicht gut, und nach ein paar Tagen war er ganz lebendig, dass man die armen Maden an der Flucht hindern musste. Schade, alles auf dem Kompost zu werfen, wenn man in der Gartenkolonie unbeliebte Nachbarn hat! Und so wurde der vergammelte und entsprechend riechende Ploderchäs unter den Boden von gewissen Schreberhäuschen gescho-ben, wo er sein unrühmliches Ende gefunden hat.

Formel eins

Mein Vater hatte in seiner Werkstatt im Keller eine hervorragende Ausrüstung für die Bearbeitung ver-schiedenster Materialien, und er wusste diese als ausgebildeter Mechaniker und angelernter Schreiner bestens zu gebrauchen. So war es nicht verwunderlich, dass wir dank ihm als Kinder über einen sogenannten Tischwagen verfügten, der für unsere diversen Transportunternehmungen sehr hilfreich war. Aber auch Spass kam im Gebrauch dieses Gefährtes nicht zu kurz. Die Strasse zu unserem Haus am Rande der Wohnkolonie Schoren war ziemlich abschüssig und verlief in einer langgezogenen Kurve zu einer Art Ausroll-Hügelchen. Wenn man nun mit dem Wagen zum höchsten Punkt der Strecke marschierte, so konnte man in rasanter Fahrt nach unten sausen, indem man den Wagen vermittels Deichsel mit den Beinen steuerte. Der kleine Anstieg zu Schluss machte ein Bremsen praktisch unnötig, und wir brachten es bei diesen Fahrten allmählich zu einer gewissen Meisterschaft, weshalb sich mein Bruder und ich uns beide als eine Art Champions in diesem Sport sahen.

Als nun an einem schönen Tag unsere Mutter mit voller Einkaufstasche nach Hause kam, luden wir sie natürlich ein, statt auf eigenen Beinen mit unserem Rennwagen vor die Haustüre gebracht zu werden. Nach kurzem Überreden setzte sie sich dann auch hinten auf den Tischwagen – und los ging die Fahrt. Bis zur Kurve ging alles gut, und die Geschwindigkeit des Gefährtes nahm immer mehr zu. Aber auf einmal verliess der Mut unsere Mutter und sie sprang mit dem Mut der Verzweiflung ab, ohne sich der physikalischen Gesetzmässigkeit bewusst zu sein, dass ein in Bewegung befindlicher Körper in dieser Bewegung verharren will und nicht einfach stoppt. So führte ihr eigener Schwung dazu, dass sie nicht stehen blieb, sondern auf die Strasse geschleudert wurde, die Strümpfe zerriss und sich beide Knie aufschürfte. Natürlich entschuldigten wir uns bei ihr für das wirklich schmerzhafte Missgeschick und trugen ihr die Einkaufstasche (ohne Wagen…) nach Hause. Für unsere Mutter waren wahrscheinlich die kaputten Strümpfe das grössere Unglück als ihre geschundenen Knie…

Kartonnage und Hobeln

In der Mittelstufe konnte man sich für verschiedene Freifächer anmelden, welche nach der obligatorischen Schule nach 16 Uhr stattfanden. Zuerst war das die sogenannte Kartonnage, angesagt, die sich mit der Papierbearbeitung beschäftigte, später das „Hobeln“, wo man sich der Holzbearbeitung annahm. Das „Hobeln“ wurde durch einen Lehrer geführt, welcher wegen seiner Glatze einfach „Strumpfchulglepuur“ genannt wurde, der Kartonnage-Kurs durch unseren Klassenlehrer Otto Köppel. Da wurden Papiere mit Kleister und Farbe bearbeitet, Büchlein her-gestellt und generell Karton und Papier für diverse Gebrauchsgegenstände verwendet. Um diese auf die genwünschten Formate zuzuschneiden, verwendete man Massstab, Metall-Llineal und das sogenannte Papiermesser, ein ziemlich scharfes Instrument.

Bei einem der Schüler (etwa Armin Sanwald?) war der Lehrer nicht gerade erfolgreich im Vermitteln der notwenigen Vorsichtsmassnahmen. Er brachte es nämlich fertig, am Metallwinkel nicht nur das Papier mit dem entsprechend scharfen Messe abzuschneiden, sondern auch die Spitze seines Zeigefingers! Er machte aus dem Unglück aber kein grosses Wesen, sondern schmiss das abgeschnittene Stück Finger einfach aus dem Fenster mit der Bemerkung: „Die Vögel werden sich sicher darüber freuen!“ Zum Glück genügte ein Pflaster zur Verarztung des Verunglückten…

Wintersportaktivitäten

Im Winter gab es bei uns immer gehörig Schnee, nicht nur, als im Jahre 1963 der ganze Bodensee zufror und Heerscharen von Leuten die Fläche zu Fuss, mit Schlittschuhen oder sogar Motorgefährten und Pferden überquerten. Wintervergnügen in der Nähe beinhalteten das Skifahren und das Schlitteln. Ski wurde auf der Holderegger-Wiese beim hinteren Schoren praktiziert, und die Besten wagten es, von zuoberst über die gefährlichen „Kuhhögerli“ (durch die Kühe hervorgerufene Querrinnen) herunter zu sausen. Vielleicht muss dabei erwähnt wer-den, dass die ursprünglichen reinen Holzlatten teilweise schon Metallkanten aufwiesen, die Beinbekleidung aus sogenannten Keilhosen bestand und die guten Skischuhe aus Leder mit Doppelschnürung versehen und auf dem Ski durch die Kandaharbindung befestigt waren. Die Füsse mussten mit (zwei Paar!) selbstgestrickten Socken warm gehalten werden.

Auch beim Schlitteln trug man am besten seine Skischuhe, weil diese zum Steuern die nötige Robustheit aufwiesen. Die Hätterenstrasse vom Krematorium bis zu Sitter war die längste Strecke, die man schlittelnderweise bewältigen konn-te. Manchmal begannen wir unsere Rennen auch weiter unten, wo wir die steileren Streckenteile vorfan-den. Natürlich war das Schlitteln in sitzender Normalposition nicht attraktiv genug, so dass wir bäuchlings mit Einhängen der Füsse ganze Schlangen bildeten. Dass so keine gebrochenen oder verdrehten Knochen resultierten ist reiner Zufall! Jedenfalls erreichten wir mit diesen zusammen gehängten Schlitten derartige Geschwindigkeiten, dass das Bremsen unten bei der Sitter nicht immer ganz gelang: einer der Steuermänner endete deshalb auch einmal statt an sogar in der Sitter, so dass er als halber Eiszapfen nach Hause stapfen musste – und offenbar hat er das unbeschadet überlebt. 

Orientierungslauf abgekürzt

Wie gesagt war ich in der Jugend alles andere als eine Sportskanone, aber immerhin nicht ganz auf den Kopf gefallen. Als Christian Masur und ich in der Kantons-schule feststellten, dass Stefan Mata, unser Turnlehrer, gerne mit uns zum Orientierungslauf in den Sitterwald ging, löste das einen Plan im Kopf aus. Wenn schon der Mata so eine ruhige Kugel spielen kann, so können wir das auch! Im besagten Gebiet gab es nämlich einen fest markierten Parcours von etwa 40 Posten für einen OL.

So beschafften wir uns eine Karte dieser Posten und liefen an einen freien Nachmittag alle davon an und vermerkten sie in der Karte.

Was für uns dabei heraus-schaute? Immer wenn wir zu Orientierungslauf antreten und zB in einer Stunde möglichst viele und möglichst entfernte Posten anlaufen mussten, dann zogen wir uns an einen bequemen Ort zurück, nahmen unsere Karte zur Hand und markierten auf dem Laufblatt beliebige Posten aus unserem Lösungsblatt. Ob unser lieber Turnlehrer verwundert über die guten Resultate seiner Schüler war oder ob er sich fragte, ob alles mit rechten Dingen zuging, das entzieht sich bis heute unserer Kenntnis. Jedenfalls erinnern wir uns immer noch gerne der Diskussionen, die wir am Waldrand hinter der Kinderfestwiese führen konnten, weil wir nicht wie eigentlich vorgesehen im Wald herumrennen mussten.

Alfreds Leiden

Seit meiner Geburt hatte ich meinen linken Hoden statt in seinem Sack immer noch in der Leiste. Unser Hausarzt Dr. Hofmann versuchte, mit entsprechenden Spritzen den sogenannten „descensus testiculi“ nachträglich zu errei-chen, leider ohne Erfolg. So empfahl er meinen Eltern, das betreffende Organ mittels Operation an seinen richtigen Platz zu bekommen. Also wurde ich im zarten Alter von 10 Jahren in die Kinderklinik des Kantonsspitals eingewiesen, wo man sich des Problems annahm. Ich erinnere mich zwar nicht mehr an die Operation selber, aber sehr gut an die Stimmung in unserem Zimmer, zu welchem meine Geschwister keinen Zugang hatten. Der Kollege aus dem Welschland mit einem Beinbruch wurde einem intensiven Deutschunterricht unterworfen, nach welchem er genau wusste, was „Ananasbrünzli“ und „Ggaggschiss“ bedeutete. Auf alle Fälle trug er nicht unerheblich zu unserer Unterhaltung bei, indem er beim Mittagessen mit der Gabel die Erbsli bis an die Decke katapultierte – natürlich ganz zur Freude der Kranken-schwestern…

Von dem Eingriff erholte ich mich in kurzer Zeit und hatte auch später unter keinen Problemen zu leiden. Immerhin schluckte der aushebende Offizier bei der Rekruten-befragung doch ein wenig leer, als er mich nach erlittenen Operationen fragte und ich ihm mit nonchalanter Selbst-verständlichkeit den medizinischen Fachbegriff „Orchido-pexie“ an den Kopf warf!

Schulweg

Unser Schulweg ins Feldli zu Primarschulzeiten betrug etwa zwanzig Minuten, wenn man den normalen Weg dazu benutzte. Kürzer war der Weg über den Friedhof, nur musste man dazu verbotenerweise das grosse geschlossene Tor überwinden. Andere Schulkollegen fanden diesen Weg doch ziemlich speziell, war für sie halt das Wandern zwischen den Gräbern etwas gruselig und eher eine Herausforderung. Eine weitere Alternative für den Schulweg führte durch den Wald, zwar etwas länger, aber dafür immer wieder ein wenig abenteuerlich. So fanden wir einmal auf diesem Weg auf dem Boden einen Buchfink, der aus irgendeinem Grund nicht mehr flugfähig war. So kam der verletzte Vogel in den Schultornister, wo er den Vormittag überlebte, und anschliessend nach Hause, wo er gehegt und gepflegt wurde. Ein warmes Nest wurde zubereitet und mittels Pipette erhielt er Wasser und etwas zerdrücktes Eigelb. Leider muss berichtet werden, dass der arme Vogel nicht überlebt hat und wir ihn halt im Garten begraben mussten. Immerhin erhielt er eine schöne Grabstätte, die sogar mit einem Holzkreuz geschmückt wurde. Es war übrigens nicht das einzige in unserem Garten, hatte doch schon früher eine unserer Schildkröten das Zeitliche gesegnet.

Waschtag-Erlebnisse

Kann man sich heute noch vorstellen, dass man in einer Wohnung kein Badezimmer hat? Jedenfalls war das so, als wir Kinder waren: man wusch sich des Morgens in der Küche am Spültisch, an welchem auch das Geschirr ab-gewaschen wurde. Immerhin hatten wir da schon kaltes und warmes Wasser, welches von einem Elektroboiler kam, was ich vor allem beim Zähneputzen als einen gewissen Luxus empfand. Und wo war denn die Dusche oder Badewanne, die heute so selbstverständlich sind? Die gab es einfach nicht! Aber wir Kinder kamen immerhin ungefähr alle zwei Wochen in den Genuss eines Bades, nämlich am obligaten Waschtag.

Da musste im Keller der Waschkessel mit Holz eingeheizt werden, damit im sogenannten „Schiff“ (dem äusseren Hohlraum) das aufgeheizte Wasser die Seifenlauge im Wascheinsatz auf die nötige Temperatur brachte, die zum Be-handeln der Wäsche nötig war; mit Zugiessen von kaltem Wasser wurde die Wärme reguliert.

Als Nebenprodukt der Waschprozedur blieb heisses Wasser übrig, welches über ein Röhrensystem in die an der Wand befestigten und mit Zinkblech ausgekleideten beiden Holztröge geleitet werden konnte (am Vorabend wurden übrigens darin die verschmutzten Textilien eingeweicht). Einer dieser Tröge war für uns also am Nachmittag des Waschtages die „Wanne“, in welcher wir uns mit warmem Wasser und Seife sauber schrubbten.   

Jahre später installierte mein Vater in derselben Waschküche im Keller eine Badewanne mit Füssen, welche an das Heisswassersystem angeschlossen wurde, und kaufte meiner Mutter als Herrin über den Waschprozess eine der ersten elektrischen Waschmaschinen der Verzinkerei Zug. Das Baden am Waschtag fiel damit also weg, aber das Trocknen der Wäsche wurde immer noch nach gewohnter Art vorgenommen: bei schönem Wetter musste im Garten ein Seil von Haken zu Haken gezogen werden, woran dann die Textilien mit Wäscheklammern befestigt und nachher das Seil mit entsprechenden Stangen gespannt wurde. Bei schlechtem Wetter musste die ganze nasse Wäsche in den Estrich geschleppt werden, wo ebenfalls Wäschedrähte zum Aufhängen vorhanden waren. In diesem obersten Stock war es warm genug, dass das Waschgut drinnen recht gut trocknete. Im Sommer war es übrigens dort wegen der fehlenden Isolation so heiss, dass wir sogar gekochte Bohnen oder gesammelte Tee-Blüten trocknen oder das Heu für unsere Kaninchen dort aufbewahren konnten. Dass wir im Heu eine Art Hütte mit einem Zugang durch eine Kartonschachtel bauten, wäre Stoff für eine weitere kleine Geschichte.

Nachkriegs-Erinnerungen

Leider habe ich von meinen Eltern kaum etwas über die Zeit des zweiten Weltkriegs vernommen, und auch meine Grosseltern Stark und Vetterli hielten sich da ziemlich bedeckt. Natürlich wusste man schon als kleiner Stöpsel anfangs der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts, dass Europa von einem grossen Krieg heimgesucht und die Schweiz grösstenteils davon verschont wurde. Aber ich habe heute noch keine grosse Ahnung, wie meine Eltern diese Zeit erlebt haben – ausser dass sie 1941 (während des Krieges) heirateten und 1946 (nach dem Krieg) den ersten Sohn bekamen. Dieser aber erinnert sich immerhin noch, dass jeweils zwei-, drei Mal im Jahr ein Päckli aus dem Berner Oberland ankam, das in meiner Erinnerung stets einen immensen Brocken goldgelber Butter enthielt. Wenn man die Verpackung öffnete, wartete ein ganz spezielles Geruchserlebnis auf einen – wahrscheinlich nichts für empfindliche Nasen! Es roch nämlich fast ein wenig ranzig, und auf das Brot gestrichen schmeckte es wirklich ganz intensiv, wie wir das von der gewöhnlichen Butter von unserem Milchmann überhaupt nicht kannten.

Hier noch ein Wort zum Begriff „Milchmann“, den heute so sicher nicht mehr kennt, ausser man schaut sich einen mindestens 50 Jahre alten amerikanischen Film über ländliche Verhältnisse an. Dort verteilt nämlich der Milch-mann am Morgen seine Milchflaschen vor der Haustüre. Bei uns aber läutete der Milchmann persönlich an der Türe und lieferte die gewünschten Produkte: Milch aus dem Tragekessel direkt ins Milchkesseli geschöpft oder Rahm mit dem Dezimass in die gereichte Schüssel. Dass es dazu ein sogenanntes Milch-Büchlein gab, in welches Mengen und Preis eingetragen wurden, scheint heute sicher unglaublich: Ende Monat wurde dann Bilanz gemacht und die ganzen Schulden auf einmal bezahlt. Dass dies gerade am letzten Tag des Monats geschah, hat damit zu tun, dass in der Schweiz traditionellerweise der 25. des Monats Zahltag für die meisten berufstätigen Leute war.   

Chrömele*

Mit diesem Begriff bezeichnete man das Einkaufen von Dingen, die man eigentlich gar nicht brauchte, die eher etwas Ausserordentliches, manchmal auch eine Art Belohnung darstellten. Von den Erwachsenen erwartete man natürlich, dass diese das nicht taten. Den Kindern sah man diese Untugend eher nach, aber wir hatten auch nicht das nötige Kleingeld, um dem „Chrömele“ allzu oft zu frönen. Naheliegend war etwa der Laden der Confiseriewaren-Fabrik Goeggel, die im Parterre des Hauses untergebracht war, in welchem mein Schul-kamerad Willi Kohler wohnte. Die Auslagen waren für uns eine Augenweide: rote Himbeerbonbons, saure Zitronen-schnitze oder weisse Pfefferminzbollen. All diese Dinge konnte man als Produktions-Ausschuss in Mengen zu 10, 20 oder mehr Rappen im Papiersäckli erwerben – und solche Preise waren für uns tragbar, wenn wir auch wuss-ten, dass die Süssigkeiten nicht gerade das Gesündeste waren. Ich erinnere mich auch an den besonderen Fall, als wir eine grosse Packung Pfefferminz kauften, um später den Geruch der im Wald verkosteten Zigaretten zu übertönen…

Ein anderer Ort zum chrömele waren die Kioske, die es an diversen Orten gab. Auf dem Schulweg waren dort zum Beispiel „Fünferböllen“ (halbweiche Kugeln mit diversen Aromen wie beispielsweise Cola), „Carambastäbli“ (Weichcaramel-Stangen), „falsche Zigaretten“ (aus weicher süsser Masse) oder „Muscheln“ gefüllt mit einer halbharten Zuckerfüllung zu erwerben. Im Schwimmbad Rotmonten war aber der Renner eindeutig das „Fri-Fri“, die kleinen Schächtelchen mit einem süss-sauren Pulver, das eigentlich zur Verwendung mit Wasser im Trinkglas bestimmt war. Es gab dieses Produkt in verschiedenen Farben, die je für ein bestimmtes Aroma wir Himbeere, Zitrone oder Ananas standen. Streute man ein wenig davon auf die Hand und schleckte man es von dort auf, dann begann es im Mund zu schäumen und die Säure prickelte schön angenehm. Ganz mutige schütteten das Pulver direkt aus dem Schächtelchen in den Mund! 

* chrömele, hergeleitet von Kram = eine als wertlos betrachtete, nach Art und Anzahl nicht näher bezeichnete Menge von Gegenständen; kramen = erwerben von unnützem Zeug

Ein weiteres heute kaum mehr bekanntes Wort vor allem im Zusammenhang mit Essen ist „schluenze“. Meine Mutter gebrauchte dieses Wort dann, wenn man etwas über die Stränge schlug und zum Beispiel zwei statt nur einen Löffel Konfitüre auf sein Butterbrot lud. Oder wenn man anstelle eines Reihelis (Teilabbruch entlang der vorgesehenen Bruchkante) Schokolade die ganze Tafel auf einmal verschlang…

Ab auf die Insel

Wie schon in anderen Geschichten erwähnt, wohnten wir am Rande des Sitterwaldes, so genannt, weil am unteren Rand dieses Waldes die Sitter ihren Lauf nahm. Damals konnte man in diesem Gewässer baden, solange die Verschmutzung noch moderat war. In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts war sie dann leider so verunreinigt, dass Tafeln mit der Empfehlung, nicht zu baden, aufgestellt werden mussten.

Aber stets war die Sitter für uns so etwas wie ein Abenteuerspielplatz, wo wir unsere Fantasien ausleben konnten. Und bei anderen Gelegenheiten gab sie uns die Gelegenheit zu Ausflügen auf das Inseli, ein Stück Land inmitten des Flusses mit Bäumen, Sträuchern und Wies-land, ungefähr zehn Meter breit und fünfzig Meter lang. Um auf dieses Inseli zu gelangen, musste man natürlich das Wasser überqueren, das links und rechts davon etwas schneller als sonst vorbeifloss. Mit einigen Kolleginnen und Kollegen von der Jugendgruppe machten wir also an einem Sonntagnachmittag einen Ausflug an die Sitter und planten, auf dem Inseli unsere Würste zu bra-ten. Mit baren Füssen, hoch gekrempelten Hosen und dem Proviant im Tragsack, begannen wir die Querung des Flusses. Das immer tiefer werdende Wasser hielt gewisse Damen fast davon ab, auf die Insel zu kommen, wenn nicht Hilfe durch die ritterlichen Herren angeboten worden wäre. Ich selber war mir meines Weges so sicher, dass ich Ursula an meiner Hand führte, ohne dabei die Tabakpfeife aus dem Mund zu nehmen. Als sie dann auf einem glitschigen Stein ausrutschte, landeten wir halt beide mitsamt den ganzen Kleidern im Wasser. Die Pfeife hat es überlebt, aber natürlich rauchte sie nachher nicht mehr. Ursula liess sich anschliessend auf dem Inseli durch die Sonne trocknen, wogegen die Herren sich bis auf die Unterwäsche auszogen und die restlichen Kleider an einem Stecken über das Feuer hielten. Trocken waren sie zwar nachher, aber auch mit dem Rauchgeruch geradezu imprägniert.

Dass wir die später gebratenen Würste und das mitgebrachte Brot trotzdem genossen, braucht kaum zusätzlich erwähnt zu werden.

Und natürlich wurde die Überquerung der Sitter anderen Leuten gegenüber als die grosse Mutprobe dargestellt. Ob das Inseli heute, rund sechzig Jahre später, immer noch existiert oder von der Sitter langsam abgebaut wurde, entzieht sich meiner Kenntnis…

Skiweekend im Lankholz

Der Bürgerturnverein St. Gallen besass zu meinen  Jugendzeiten eine Hütte am Abhang der Wolzenalp oberhalb Krummenau im Toggenburg. Da wir durch Kollegen eine gute Be-ziehung zu diesem Verein hatten, war es möglich, dass wir diese Hütte als Jugendliche für Wochen-enden mieten konnten. Man organisierte in der Jugend-gruppe oder unter Bekannten eine gute Anzahl Interes-sierter und das entspre-chende Kollektivbillet St. Gallen – Krummenau und zurück, kaufte den notwendigen Proviant ein – und schon ging‘s zwischen Weihnacht und Neujahr ab zum Wintersport. Noch heute staune ich darüber, dass mich meine Eltern so ganz ohne Aufsicht von Erwachsenen gehen liessen, aber natürlich kamen wir uns selber schon sehr erwachsen vor.

Um das mitgebrachte Material zur Hütte zu bringen, gab es zwei Möglichkeiten: entweder kraxelte man mit dem ganzen Gepäck zirka eine Stunde vom Bahnhof hinauf, oder man liess sich mit der Gondelbahn auf die Wolzenalp bringen, montierte die Skier und fuhr mit Rucksack, Tasche oder Köfferchen hinunter zum Gebäude. Unnötig zu sagen, dass wir normalerweise die zweite Variante bevorzugten, die auch den Vorteil hatte, dass man für die Heimkehr einfach mit den Skiern bis fast vor den Bahnhof fahren konnte. Zwei Dinge waren es, die so ein Weekend interessant machten: einerseits der Wintersport mit Schlitten oder Ski, und andrerseits das Lagerleben am Abend mit allerlei Schabernack und Unterhaltung bis spät in die Nacht hinein. Bei Kurt Mägerle endete der Winter-sport schon am ersten Tag, weil er beim Abfahren einen Skibruch erlitt. Mit der uns innewohnenden Ingeniosität versuchten wir dann aber, seine Latten immerhin zur Schlussabfahrt fit zu machen, indem wir das Blech einer Raviolidose (!) zurechtklopften und quasi als Pflaster um die Bruchstelle nagelten. Der Verband hielt denn auch gerade so lange wie nötig – bis zur Talstation der Seilbahn!

Wenn man einmal auf den Zug, der uns nach Hause brachte, warten musste, dann bot sich ein Restaurant in Krummenau an, wo man noch ein wenig das Tanzbein schwingen konnte. Angesichts unserer schweren Skischuhe war das war kein einfaches Unterfangen! Ein-mal hatten wir das Glück, zur Heimfahrt einen ganzen leeren Güterwagen zur Verfügung zu haben, was in Gesellschaft der netten jungen Damen natürlich nochmals ein ganz spezielles Abenteuer war…

Das Wandern ist des Müllers Lust

Natürlich ist da nicht die Rede von den sonntäglichen Spaziergängen mit den Eltern! Obwohl ich nach der Konfirmation an diesen auch einmal mit einer netten  jungen Dame teilnahm, die mir (zum ersten Mal in meiner Karriere) ihre Hand in meine gab, was mich natürlich sehr stolz und um mindestens zwei Jahre älter machte…

Nein, die Wanderungen, an die ich mich bestens erinnere, sind diejenigen mit Kolleginnen und Kollegen aus der Jungen Kirche (Jugendgruppe der Kirchgemeinde). Dass es uns ausgerechnet in die „Höll“ verschlug, ist vielleicht etwas merkwürdig. Aber die „Höll“ ist eben kein bedrohlicher Ort, sondern ein lauschiger Waldweg entlang des Wattbaches vom Riethüsli zum Haggenquartier in St. Gallen. In Damenbegleitung war ein solcher Spaziergang zur nächtlichen Stunde immer ein besonderes Abenteuer.

Im Winter ging’s dann vom Riethüsli aus in entgegengesetzter Richtung entlang dem Wattbach und hinauf zur Schäflisegg: auf dem abschüssigen und schneebedeckten Weg war das Schlitteln mit einer weiblichen Galionsfigur vor einem ein ganz besonderer Genuss – auch wenn man sich dabei als Anfänger gebärdete und den Schlitten absichtlich kentern liess.

Auch erinnere ich mich an die zahlreichen Wanderungen im Frühling, Sommer und Herbst in die Umgebung von St. Gallen. Dabei durfte keinesfalls der obligate Most-bummel zur Zeit der reifen Äpfel fehlen. Meist trafen wir uns am frühen Nachmittag am Eingang zum Sitterwald und marschierten gemütlich zur Sitter hinunter, ihrem Lauf folgend bis zu Restaurant „Gatter“. Jede und jeder genehmigte sich da ein Glas (oder auch zwei) vom frisch gepressten Apfelsaft. Peter Köpp konnte es sich jeweils auch nicht verkneifen, davon wenigstens zu kosten – auch wenn er das nachher bereute: wie er sagte, bekam er nämlich vom frischen Most immer den sogenannten „Dünnpfiff“, auch „tout-de-suite“ genannt… Etwas ge-fährlicher als der frische Most war aber bei diesem Restaurant die eiserne Schaukel. Wenn man sich ruhig darin aufhielt, eigentlich eitel Spass und Freude. Aber eine unserer liebenswerten Damen hatte die gloriose Idee, mit ihrer Muskelkraft dem Korb etwas mehr Schwung verleihen zu wollen. Unvorhergesehen war, dass sie ausrutschte und flach auf den Boden zu liegen kann. Waren wir froh, dass sie nicht auf die Idee kam, aufstehen zu wollen: so schwang der schwere Eisenkorb zum Glück über sie hinweg, ohne ihr ein Haar zu krümmen!

Schwimmprüfung

In der Mittelstufe war im Sommer im Turnunterricht Schwimmen angesagt, entweder im Schwimmbad Rotmonten oder im Mannenweiher auf Drei Weieren. In der vierten Klasse wurde Brustschwimmen gelehrt, und in der fünften wurde dann die Schwimmfähigkeit geprüft, wobei damals keine entsprechenden Auszeichnungen in Aussicht gestellt wurden. Herr Köppel liess jeden Schüler (wir waren eine reine Bubenklasse, die Mädchen gingen zu Herrn Dudli) die 50-Meter-Bahn zurücklegen und entschied dann, ob man erfüllt hatte oder nicht. Bei mir selber und zwei anderen Betroffenen entschied er, dass ich zwar nicht gerade abgesoffen war, aber dass ich des Schwimmens noch nicht genügend mächtig sei und somit über den Winter den Nachschwimmkurs zu besuchen hätte.

Diese Auflage hatte für mich zur Folge, dass ich während einer gewissen Zeit jede Woche zum Volksbad in diesen Kurs zu gehen hatte. Ich muss zugeben, dass er mir entsprechend nützte und ich da tatsächlich Schwimmen lernte. Ich stellte auch fest, dass Wasser wirklich trägt, auch wenn es keine Balken hat und seitdem schwimme ich wirklich mit Begeisterung.

Wie es mit meinem Leidensgenossen „Pfudler“ erging, kann ich nicht mehr vergegenwärtigen. Seinen merkwürdigen Namen im Kurs erhielt er nämlich, weil er im Wasser lediglich „pfladerte und pfluderte“ statt richtig zu schwimmen – und das erst noch stets unter der Wasseroberfläche statt darüber. So durchquerte er jeweils die ganze Länge des Beckens, ohne einmal Luft zu schnappen!

Wie ich zum Reiten kam

Mein Bruder Ruedi hatte in der Kanti einen Schulkameraden, dessen Mutter jeweils die Pferde der Familie Stoffel „bewegen“ musste und deswegen junge Leute suchte, die ihr dabei helfen konnten. So lud Frau Hartmann, die Frau des damaligen Schulkommandanten der Infanterie-Schulen in der Kaserne St. Gallen, zuerst Ruedi, dann auch mich zu ihrem Reitunterricht in der Reithalle ein.

Zuerst mussten wir hinter dem Haus des Milchverbands die Pferde aus dem Stall holen, sie satteln und zäumen und uns nachher hoch zu Ross zur Reithalle begeben. Dort erhielten wir Reitunterricht basierend auf bestimmten Dressur-Programmen. So lernten wir die verschiedenen Gangarten Schritt, Trab und Galopp, seitwärts gehen und drehen. Für die Programme waren die verschiedenen Figuren richtig in der Halle zu positionieren, die deshalb mit Buchstaben an Längs- und Breitseite angeschrieben war. Zusätzlich wurde wir auch instruiert, wie die kleinen Hindernisse im Sprung zu nehmen waren, was für mich immer eine gewisse Herausforderung war, konnte man dabei doch auch einmal abgeworfen werden – was mir damals zwar nie passierte.

Am Schluss der Reitstunde brachten wir dann die Pferde zurück in den Stall, wo schon die „Mooguge“ auf uns wartete, der Stallknecht, der Frau Hartmann immer mit dem ehrerbietigen Titel „Frau Oberst“ bedachte. Dass er etwas angeschlagen war, rührte gemäss unbestätigten Berichten daher, dass ihn einst ein Pferd mit dem Huf mitten auf seine Brust traf… 

Herren engagieren!

Etwa in dieselbe Zeit wie das Reiten lernen gehört das „Tanzen lernen“. In St. Gallen war die Tanzschule Bentele für Ballett- und Paartanz-Unterricht bekannt, und alle Jugendlichen, die etwas auf sich hielten, wurden dort in den sogenannten Standardtänzen unterwiesen. Meistens handelte es sich dabei um solche von der Kanti oder dem Institut auf dem Rosenberg, wo vor allem Ausländer im Internat unterrichtet wurden. Ich war in der glücklichen Lage, dass mir meine Eltern den Besuch dieser Tanzschule ermöglichten, und ich besuchte sie zusammen mit meinem besten Gymi-Kumpel Christian. Geleitet wurde der Unterricht durch eine der beiden Schwestern Bentele, Hertha und Wanda, zwei schon sehr ältliche Damen. Zusätzlich war ein jüngerer Herr anwesend, der das Klavier traktierte und dem Gerücht nach der Liebhaber einer der beiden Bentele-Schwestern war.

Im Tanzsaal herrsche strikte Geschlechtertrennung: die Mädchen sassen auf einer Reihe von Stühlen auf der einen Seite des Raumes, die Knaben gegenüber. Nachdem die Tanzlehrerin die ersten Schritte mit besagtem jüngeren Herrn vorgezeigt hatte, mussten wir diese umsetzen. „Herren engagieren!“ lautete die Aufforderung, sich eine der jungen Tanzschülerinnen zu ergattern, indem man im Spurt zur Damenwand sauste und sich vor einer leicht verbeugte. Das so „gewählte“ Mädchen hatte nun gar keine andere Wahl als sich mit dem „Wählenden“ zusammen auf die Tanzfläche zu begeben, wo auf Befehl der Tanzmeisterin die Schritte geübt wurden. Es dürfte klar sein, dass die meisten Herren eine besonders hübsche Dame auszuwählen versuchten, was manchmal geradezu in eine Art Hahnenkämpfe ausartete. Andrerseits ist festzuhalten, dass manchmal die weniger hübschen die besseren Tänzerinnen waren…

Eine besondere Episode ist in meinem Gedächtnis festgehalten, als sich ein Schüler vom Rosenberg (offensichtlich aus Berlin) zu der Bekleidung einer jungen Dame äusserte. Dazu muss man wissen, dass damals neben toupierten Frisuren recht kurze Röcke und Kleider in Mode waren, unter denen mehrere Unterröcke, getragen wurden, die so genannten „Pettycoats“. Leider guckte diese Unterwäsche bei einem der Mädchen unter dessen Rock hervor, was zu folgender Äusserung des jungen Mannes führte: „Der kuckt ja die janze Lametta raus!“ (Übersetzt: „Der schaut ja die ganze Weihnachtsdekoration hervor!“)  

Ei ei ei, Kleider Frey!

Mein Vater legte stets Wert auf Kleider und Schuhe von guter Qualität, die sich auch lange hielt. So war das Schuhgeschäft seiner Wahl der „Schneider“ am Eingang der Goliath-gasse, und für Kleider gingen wir öfters zu Kleider Frey an der Poststrasse. Beispielsweise meine erste sogenannt „lange Hose“ wurde dort gekauft: es war meine erste Knickerbocker, also eine Überschlagshose im englischen Stil (siehe Bild links)!

Bei Kleider Frey gab es bei jedem Einkauf eine Art Taler, die man sammeln und für bestimmte Geschenke verwenden konnte. Mein Bruder Ruedi und ich verwendeten sie am liebsten dazu, auf dem firmeneigenen „Schiesstand“ mit dem Luftgewehr schiessen zu können, wobei weniger die je nach Resultat winkenden Preise wichtig waren als da Resultat auf der Scheibe. Mit dem quasi persönlichen Verkäufer verband uns mit der Zeit so etwas wie eine persönliche Beziehung. Die ging in der Tat so weit, dass Herr Sarotti (so hiess er wirklich!) von mir an Ostern einen selbst gebastelten Osterhasen erhielt. Dass er dafür manchmal beim Schiessen ein Auge zudrückte, sei hier nur am Rande erwähnt.

Meine richtige „Kleidung“ mit eigentlicher langer Hose erhielt ich übrigens zur Konfirmation, die mehr als fünf Jahre später im Kirchgemeindehaus Lachen-Vonwil stattfand.

Komische Vögel

Zu meiner Schulzeit gab es in der ganzen Stadt ein paar allgemein bekannte, aber ganz eigenwillige Persönlich-keiten, von denen ich auch einigen begegnet bin.

Im Lachenquartier gab es zum Beispiel das „Pärli“, eine Frau und einen Mann, die beide offensichtlich eine Trisomie hatten und stets einen Wagen mit Deichsel zogen, als ob sie links und rechts davor gespannt wären. Sie fielen auf, weil sie einfach anders waren, aber sie taten niemandem etwas zuleide.

So war es auch mit Walterli, der von allen einfach bei seinem Vornamen angesprochen wurde und der ein wenig Probleme beim Sprechen hatte. Unsensibel, wie wir zu jener Zeit waren, nahmen wir ihn immer wieder zum Anlass für einen „Spass“. Wir versprachen ihm einen Zwanziger (Zwanzigrappenstück), wenn er das Wort „Elektrizitätswerk“ aussprechen würde – ein Unterfangen, dass ihm offensichtlich nicht gelang: „Elä-, Elä-,Elä- eh läck mer doch am Arsch!“ war das Ergebnis, das mit schallendem Lachen quittiert wurde. Aber Walterli hatte sich seinen Zwanziger damit redlich verdient! Ebenso lustig fanden wir seine Antwort, wenn wir fragten, wie denn die Pferde im Stall der Familie Stoffel hiessen: „Fützli, Fützli!“

Leider machte ich nie die Bekanntschaft des „Katzenstreckers“, der wahrscheinlich aus dem Luzernischen stammte (man sagte den Luzernen nach, dass sie Katzen durch Strecken abmurksten und sie auch assen). Wenn man ihn zu Gesicht bekomme, so ging die Sage, müsse man nur „Katzenstrecker“ rufen, damit er sofort den Rufer im Sauseschritt verfolge.

Ein anderes Original in der St. Galler Landschaft war die in der Reit-Geschichte erwähnte „Mooguuge“, der Stallknecht der Familie Stoffel. Seine Schwester, die den unan-ständigen Namen „Zwölfihuer“ trug, kleidete und bemalte sich ziemlich auffällig, obwohl sie gelinde gesagt nicht mehr ganz jung war. Das brachte ihr offenbar manchen fragenden oder gar auffälligen Blick ein, den sie jeweils so quittierte: „Wötsch öppe-n-e Foti ha?“ 

Die konkrete Bekanntschaft eines Menschen, der nicht alle Hundert beisammen hatte, machten wir bei unserem Einsatz im Zeughaus beim Gasmasken-Prüfen. Mäxli Kaiser hatte offenbar seinen leichten Dachschaden bei einem Unfall davongetragen. Er sei nämlich des nachts in der Dunkelheit heim gewandert, als ihm zwei beleuchtete Velos entgegen kamen. Er wollte nun zwischen den beiden Lichtern durch gehen und erkannte zu spät, dass es sich nicht um zwei Velos, sondern ein Auto mit zwei Lichtern handelte…

Der ausgebrannte Max

In der Unterstufe bei den Lehrern Huber und Koller besuchten wir den Unterricht im alten Schulhaus Feldli. Nach dem Übertritt in die Mittelstufe zu Lehrer Otto Köppel mussten wir dieses Haus verlassen und verbrachten ein Jahr im Schulhaus Schönenwegen, wo wir jeweils monatlich gemeinsames Duschen über uns ergehen lassen mussten: im Keller unten gab es eine Duschanlage, die vom Abwart bedient wurde. In grossen Metallblechen mit Rand waren die Schüler (was mit den Schülerinnen geschah, weiss ich wirklich nicht) gehalten, sich mit Seife abzuschrubben, um nachher mit lauwarmem Wasser von oben abgewaschen zu werden. Die Sauberkeit der Füsse wurde mit dem Schilfrohrstab kontrolliert!

Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen, sondern die Geschichte von Max Knecht, der in einem älteren Haus gerade neben dem Schulhaus wohnte. Es mag so um 1955 herum gewesen sein, als wir am Morgen in die Schule kamen und alles ein wenig anders war. Es gab nämlich ein grosses Getuschel um die Tatsache, dass es in der Nacht in der Nachbarschaft gebrannt habe. Und dann erfuhren wir doch tatsächlich die Geschichte von einem unmittelbar Betroffenen: Max wohnte mit seiner Familie und zwei weiteren Partien in besagtem Haus! Und dieses war wirklich in der Nacht durch einen technischen Defekt in Brand geraten und in Flammen aufgegangen. Maxli und und sein Bruder Hugo mussten im Pyjama die Wohnung verlassen und den Rest der Nacht bei Nachbarn verbringen! Wir alle wunderten uns, dass bei ihm keine Russspuren im Gesicht zu sehen waren…

Erst in den letzten Jahren habe ich erfahren, dass es Max gar nicht recht war, vor allen Mitschülern seine Geschichte erzählen zu müssen (sie bot natürlich Stoff zu einem Aufsatz!). Dem Fass den Bode schlug aber der Vorschlag vom „Köppel“ aus, Max als Erzähler noch hinüber zum „Dudli“ zu schicken, damit auch die Mädchenklasse ein Aufsatzthema hätte (siehe dazu auch die nächste Geschichte!). Unbestätigten Berichten zufolge brach Max bei diesem absolut unmöglichen Ansinnen in Tränen aus und wurde von einem mitleidigen Mitschüler so vehement dagegen verteidigt, dass davon Abstand genommen wurde.

Meitlischmecker

Im neuen Schulhaus Feldli sind wir nach 1957 in die 5. und 6. Klasse bei Lehrer Otto Köppel gegangen. Der Frontalunterricht war Standardmethode, stille Arbeit im Klassenzimmer auch. Das Zimmer war dem Lehrer zugeteilt, und es gehörte auch den entsprechenden Schülern. Lehrer Köppel unterrichtete die Mittelstufen-Knaben, Lehrer Dudli auf dem Treppenabsatz vis-à-vis die Mittelstufen-Mädchen. Gut, dass die Treppe breit genug war, um an einem Handlauf den Mädchen, am anderen den Knaben Platz zu bieten, sonst wäre man sich wahrscheinlich in die Quere gekommen oder hätte sich gar berührt – Gott bewahre! Als „Meitlischmecker“ wollte schon keiner der Buben gelten! Und deshalb mied man besser auch den Meitli-Handlauf der Treppe…

Unser Mitschüler Christian Meier wurde so etwas wie unser mutiger Champion, weil er sich ohne weiteres getraute, den Handlauf nicht nur zu berühren, sondern mit seiner Hand daran hinab- und wieder hinaufzufahren! Ist es nicht ziemlich folgerichtig, dass Christian der erste unserer späteren Konfirmandeklasse war, der nach dem Konf-Unterricht „eine Gritte heimzustossen“ sich getraute?

Willi und Köppels Stumpen

Lehrer Köppel verliess während der Pausen das Schulzimmer, um sich dort den Schülerinnen und Schülern zu zeigen sowie sich mit Kollege Dudli draussen an der frischen Luft zu treffen. Man disku-tierte und genoss seinen Stumpen. Leider war es nur ein kurzes Rauchvergnügen, und bald muss-te das Rauchwerk gelöscht werden, obwohl es noch lange nicht zu Ende war. Also wurde der Stumpen aussen auf dem Fenstersims beim Lehrerpult deponiert, wo man ihn später wieder finden konnte? Nur war diese Deponie auch anderen bekannt, wie man später erfahren wird.

In einer Stunde liess Lehrer Köppel die Klasse still arbeiten, während er einen um den anderen seiner Zöglinge zu sich an Pult beorderte, um die schriftlichen Arbeiten zu besprechen: einer am Pult selber und ein nächster in Wartestellung dahinter. Als nun der kleine Willi Kohler am Warten war, kam ihm dieses etwas zu lange vor, so dass er sich hinter den beiden ins Gespräch Vertieften ans Fenster schlich, dieses öffnete und sich des dort liegenden Stumpens bemächtigte.

Mit diesem marschierte er dann, seinen rauchenden Lehrer imitierend, hinter dessen Rücken und vor seinen Mitschülern auf und ab, was natürlich zu grosser Erheiterung der Klasse führte. Ob Lehrer Köppel dieses Tun bemerkte oder nicht, kann man im Nachhinein kaum erfahren, aber er verhielt sich jedenfalls so, als ob er davon nichts merkte: ein sicher kluger Schachzug eines erfahrenen Schulmeisters! Ob er als Widnauer aus dem Rheintal wohl den „Kohlerli“ wieder einmal als „Kropfli“ bezeichnet hätte? Oder vielleicht mit dem andern beliebten und oft verwendeten Begriff, dem „Herrgottsgghnoche“?

Wandtafelfaxen im Latein

Hier möchte ich eine ganz ähnliche Begebenheit erzäh-len, die sich in meinen Kantijahren ereignet hat. Unser Lateinlehrer Hubert Metzger war von uns durchaus respektiert, aber andrerseits eine sehr gemütliche und auch gemütvolle Natur. Die Pause war vorbei, die Glocke hatte geläutet und im Klassenzimmer herrschte ohne die Anwesenheit eines Lehrers ein geräuschvolles Treiben. Der Schüler Luciano Clementi hatte dabei die gloriose Idee, den Papierkorb so hinter die schwenkbare Wandtafel (ja, das gab es damals auch in der Kantonsschule St. Gallen noch!) zu stellen, dass diese gerade oben an den Korbrand zu stehen kam und alles darüber liegende verbarg. Er selber stellte sich in den Papierkorb und war damit nicht mehr zu sehen, wenn er sich nur etwas bückte.

Und da marschierte unser Lehrer, der „Hubert“, ins Klassenzimmer: Ruhe kehrte ein, jeder stand an seinem Platz und setzte sich auf die entsprechende Weisung hin. Mit einer Ausnahme natürlich! Aber das merkte unser Lateiner vorerst nicht, als er den „Ovid“ hervor zu nehmen befahl. Wie gewöhnlich liess er einen Schüler eine Passage lesen und einen Übersetzungsversuch zum Besten zu geben. Dabei lief er zwischen den Bankreihen nach hinten, machte rechtsumkehrt und marschierte wieder gegen vorne zur Wandtafel, was sich der gute Luciano zunutze machte: jedes Mal, wenn der Hubert nach hinten wanderte, tauchte über der schwarzen Tafel das feixende Gesicht des Schülers auf, um bei der Kehrtwendung wieder zu verschwinden. Es scheint, dass Hubert die Unruhe und das Schmunzeln seiner Lateinschüler aufgefallen sein muss. Jedenfalls machte er nach einiger Zeit, die uns unheimlich lange vorkam, eine frühzeitige und unerwartete Kehrtwendung, als der gute Clementi so richtig am Kasper spielen war und so in flagranti erwischt wurde. Wie vom Hubert nicht anders erwartet, machte er keine grosse Affäre aus dem Vorkommnis, sondern beorderte den erwischten und ziemlich rot angelaufenen Schüler an seinen Platz, um von ihm die nächste Passage lesen und übersetzen zu lassen.